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17. August 2001 –
16. September 2001



soft city

Corina Rüegg & Ursula Bachman

Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city
Ausstellung soft city

soft city

IG Halle in der Alten Fabrik Rapperswil

17. August bis 16. September 2001


Das Ausstellungsprojekt soft-city ist in erster Linie eine Begegnung mit zwei künstlerischen Ausblicken, die sich nicht nur räumlich manifestieren. Ein Stadtgefühl der besonderen Art macht den eigenen Standort zum Thema und öffnet verschiedene Perspektiven auf einen künstlerischen Dialog. Balkon und Veranda, Baldachin und Pergola, Gartenlaube und Zelt bilden die Vorlage und das Formenvokabular, das in Zeichnungen, installativen Konstruktionen, Modellen, Videos und Computerbildern verarbeitet wird. Die Ausstellung thematisiert architektonische Zwischenzonen von Innen und Aussen, leichte provisorische Wohnformen, flüchtigen Sommerabendgenuss und modernes Nomadentum.

Ordnungen, die einem Leben Halt und Sinn geben werden in abstrakten Grössen zu sichtbaren Gerüsten und Kommunikationsknoten verarbeitet. Verweise auf High-Tech Requisiten

schweben in diesen bildnerischen Vorschlägen zwischen Konstruktivität und märchenhafter Erzählung, das zu einer poetischen Atmosphäre beiträgt und gleichzeitig auf gesellschaftliche und urbane Gefüge verweist.

Sezierend und gleichzeitig beschützend öffnen sich halbdiaphane Räume und geben über die Vorläufigkeit sozialer oder baulicher Strukturen Auskunft. Über das Zusammenspiel unterschiedlicher Formulierung wird die weiche Stadt erlebbar.


Kurator: Peter Röllin
Text: Martin Mühlegg / IG Halle
Text zu soft city von Corina Rüegg als pdf

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Vernissage Einführungsrede: Peter Röllin
17. August 2001

soft city, soft ice – was beiden Bezeichnungen gemeinsam ist eine Verdünnung bei gleichzeitiger Vergrösserung. Aktuelle städtebauliche Verdünnung, wie wir sie heute im Zwischenland zwischen Zentren und zum Teil noch ländlich anmutenden Peripherierändern erfahren, ist das Gegenteil von historischer und europäischer Stadt. soft city, der Buchtitel auch des heute in Seattle lebenden englischen Schriftstellers Jonathan Raban (von ihm auch Bad Land), verstehen wir im Zusammenhang mit dieser Ausstellung, dem gemeinsamen Ausstellungsprojekt von Ursula Bachmann und Corina Rüegg, als Abschwächung von Stadt im Sinne ihres früheren kompakten, konzentrierten Auftritts. Alte Brückenstädte tauchen im Wort „Stadt" auf, einprägsame Silhouetten von Kirchtürmen, Kathedralen und öffentlichen Gebäuden, gefasste Platzräume, Gassen, Passagen, konzentriertes gesellschaftliches Zusammenleben auch, mit dem Markt als Mittelpunkt. Eine Art unverwechselbare hard city. soft city dagegen bezeichnet nicht nur Auflösung des einst klaren und harten Übergangs von ummauerter Stadt zum offenen Land, sondern meint auch die Abschwächung von Stadt als einprägsamem Bild.

soft city heute der Lebensraum für die Mehrheit der Menschen 

soft city ist räumlich gesehen eine Zwischenstadt, sind Flächen von sich breit machenden Lebensräumen, in denen heute die Mehrheit der Menschen wohnt und arbeitet. Zwischenstadt ist – wie der bekannte deutsche Urbanist und Stadttheoretiker Thomas Sieverts in seinem eben mit Zwischenstadt betitelten Buch (1997) sagt – ein „Raum ohne Namen und Anschauung“, ein Raum auch mit einem hohen Grad an Undeutlichkeit und Diffusität. 

Zwischenstadt ist bei Sieverts synonym für „verstädterte Landschaft oder auch für verlandschaftete Stadt“. Wir begegnen der Zwischenstadt überall: zwischen Frankfurt und Wiesbaden, zwischen Mailand und Como, zwischen Genf und Rorschach, zwischen Zürich und Bülach, zwischen Wollerau und Rapperswil-Jona, zwischen Albuville hier vor der Tür und dem Ort dieser Ausstellung. 

Das traditionelle und präzise Trennbild von „Stadt und Land“ kann für heutiges Begreifen und Beschreiben räumlicher Strukturen und Lebenformen nicht mehr genügen. Der Grossraum Zürich – auch Wohn- und Arbeitsort der beiden Künstlerinnen Ursula Bachman und Corina Rüegg – veranschaulicht beispielhaft globale Tendenzen der Zwischenstadtentwicklungen: historische Industriezonen verlieren ihre Bedeutung und werden von neuen Nutzungen, augenfällig aber auch von der Erlebnis- und Unterhaltungskultur vereinnahmt. Der Emscher Park im Ruhrgebiet und Zürich West sind diesbezüglich sprechende Beispiele. 

Nicht mehr fassbare Stadt als künstlerisches Gestaltungsfeld 

Die Versuche, eine Ordnung herzustellen, die Räume zu strukturieren und einem festen Verwendungszweck zuzuordnen oder zuzudenken, scheitern, weil die Realität der Entwicklung stets schneller ist und Planung kaum mehr zulässt.

Selbst das Tempo des Wandels lässt sich nicht mehr bestimmen. Metropolen sind Patchwork-Landschaften geworden, eben „Soft Cities“ ohne Bestand, ,,Städte“, die in unserer Vorstellung mehr und mehr zerfliessen. 

Künstlerinnen wie Corina Rüegg und Ursula Bachman bevorzugen solche Zwischenstädte auch für ihre künstlerische Arbeit. Erfahrungen des Zerfliessens und einer räumlichen Entmaterialisierung bestimmen ihre Bildfindung, ein Prozess, der spätestens mit Cezanne begonnen hat und die Wahrnehmung der Moderne kennzeichnet. Ein Prozess auch, der die Vervielfältigung der Sehweisen einläutete. Auflösung und Zerfliessen als ästhetische Gegenständlichkeit sozusagen auch bei soft city als Ausstellung: 

Ursula Bachmann, 1963 in Zug Soft City geboren, heute auch Dozentin für plastisches Gestalten an der Hochschule für Gestaltung + Kunst in Luzern, auch Gestalterin des Bahnhofplatzes in Zofingen, hat die Spielräume von urbaner Freiheit und Entfaltung in dieser 16-teilgen Situation konzentriert (Nr. 1). Was vorerst wie ein Ausschnitt der ausufernden Ordnung etwa von Mexiko-Stadt erscheinen mag, sind freie Impressionen von vorgegebenen, geplanten, erfundenen Situationen, modellhafte Zonen, deren Funktion und Funktionieren nirgendswo klar belegt sind – eben soft city. Mehr verschoben als handfest: Häuser-Inselwelten im additiven System, in Gipskarton, MDF, Sperrholz und Kunststoff zusammengedrückte niedergedrückte Stadtwelten, da und dort wie La Defense oder Barbican Center. 

Die Fachsprache der Wahrnehmungspsychologie kennt den Ausdruck mental map, und meint damit das System der Bilder, Monumente, Erlebnisse usw., das im Kopf als räumliche Strukturen haften bleibt. Auch die Zeichnungen Viertel (Nr. 3) von Ursula Bachmann – hinter dem Video-Haus an der Wand – funktionieren wie mental maps. Es sind dies Überzeichnungen von visuellen und planerischen Perspektiven eigener Stadterfahrungen, bei Ursula Bachmann des konkreten Quartierraumes von Albisrieden-Hardau. Die Zeichnungen schicken den Betrachter buchstäblich auf den Weg. 

Das textile, halbtransparente Video-Haus (Nr. 2) präsentiert im Innern das automobile Ein- und Ausfahren in 3 Städten: Damaskus (Syrien), San’a (Jemen) und Frankfurt a.M. Es sind dies drei kulturgeschichtlich sehr unterschiedliche Zentren, die sich dennoch als soft cities gleichen. Auch Stadtentwicklung kennt die Globalisierungsschübe von Wirtschaft und Mobilität. Untermalt sind die hektischen Fahrbewegungen von live-Aufnahmen und deren Einfliessen in die Kompositionen von Leo Bachmann. 

Corina Rüegg, 1962 in New Dehli Soft City geboren, lebt und arbeitet als Künstlerin im Zürcher Kreis 4 und in Nizza, übernimmt aber auch stadträumliche Aufgaben als Jurorin und Projektleiterin, kürzlich für das Projekt Stadtgrenzen – Raumgrenzen an der Architekturabteilung der Accademia in Mendrisio. 

Die Kunststoff-Flügeltüre (Nr. 4) aus einer Fabrik mit alten Spuren von Spedition, Stossen und Schwitzen, ist wie eine zentrale Metapher von soft city, Sinnbild für die Auflösung von Räumlichkeit, Sinnbild auch für die Gleichzeitigkeit von Innen und Aussen.

Die Bar ist FahrBar (Nr. 11). Soft city hat wenig Konstanz, lebt von tagtäglichen Umkehrungen und Umnutzungen. Die Tafelfragmente einer Schnellstrassen-Signalisation sind in dieser Ausstellung zur Raststätte geworden, haben einen neuen Gebrauchswert erfahren. Ein Bedeutungstransfer kennzeichnet auch das Bauzelt von Swisscom mit dem nebligen Aussichtspunkt (Nr. 4) im Innern. Man sitzt schon im falschen und doch so vertrauten Bild. Der Dialog kann beginnen. 

Auch die Einzelinstallationen Do I look like (Nr. 5) wie on/off (Nr. 6) als signalhaftes, oranges Objekt an der Fensterwand (Nr. 6) fordern unsere Sinne und Lesekapazität, indem wir erst einmal „abscannen" (Corina Rüegg) müssen vom üblichen flüchtigen Sehen von Werbe- und Signaltafeln. Es bleibt noch ein grosses Stück von Corina Rüegg zu erwähnen: die Installation über und seitlich des blauen Flusses: auf dem Monitor ein City sampling (stop & go, Nr. 9) mit sich immer wiederholenden Sequenzen, still geworden und dennoch fiebrig weiterlebend auch in Form der Fotoprints an den Wänden (serie noir, Nr. 8) und der grossen Plache rue de la terrasse (Nr. 7). Soft city schlägt hier durch die verschiedenen medialen Ebenen, und lebt von ständigem Suchen im ständigen Fliessen. 

Soft city: ein freiheitlicher Spielraum wie harte, stosszeitige Realität, ein Lebensraum auch, der herkömmliche Identitätsmuster kaum zulässt, aber anderen, vielfältigen und widersprüchlichen die Tore öffnet.

Ich danke den beiden Künstlerinnen für diese gelungene städtebauliche Zusammenarbeit und für ihr Baustellen-Fieber. Danken möchte ich auch den Partnern von Soft City, Leo Bachmann und Mike Frei, aber auch Lukas von der IG Halle nächst Albuville.

Anlass in der Ausstellung SOFT CITY

Vernissage

Freitag, 17. August, 19.00 Uhr

Einführung: Peter Röllin, Kurator der Ausstellung


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